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Pfarrer Oskar Brüsewitz

Pfarrer Oskar Brüsewitz
Erstellt von:
Ulfried Ritter
Veröffentlicht am:
22.07.2026

Pfarrer Oskar Brüsewitz wurde am 30. Mai 1929 in Willkischken, Memelland, geboren und verstarb am 22. August 1976 in Halle an der Saale. Er war ein evangelischer Geistlicher und Pfarrer, der sich im August 1976 an der Michaelis-Kirche in Zeitz aus Protest gegen das kommunistische Regime in der DDR selbst verbrannte.
Ich gebe hier wieder, wie ich, Ulfried Ritter, die Ereignisse erlebte. 

Der evangelische Pfarrer Oskar Brüsewitz war bei vielen Kindern seiner Gemeinde beliebt. Den Zusammenbruch der DDR sagte er prophetisch voraus, er ertrug bedauerlicherweise die Zeit des Wartens nicht mehr. Aus Protest gegen das DDR-Regime verbrannte er sich öffentlich selbst.
Bildautor: Albert Engelmann / Grok

Wie ich ihn kennenlernte

Das ergab sich daraus, dass ich in Rasberg, einem kleinen, Zeitz angegliederten Dorf, wohnte. Ich selbst wurde 1953 im unterfränkischen Mömlingen geboren und durch die Scheidung meiner Eltern 1956 ging meine Mutter mit mir zurück in ihre Geburtsstadt Zeitz (Sachsen-Anhalt), wo ich aufwuchs. In diesem Ort befindet sich die kleine evangelische Kirche, in der Oskar Brüsewitz Gottesdienste zelebrierte, schräg gegenüber der 6. Grundschule Zeitz-Rasberg, an der ich von 1960 bis 1968 Schüler war. Von 1968 bis 1970 war ich dann an der 3. Polytechnischen Oberschule in Zeitz, wo ich meine mittlere Reife-Prüfung abschloss.
Doch zurück zu Pfarrer Oskar Brüsewitz, so lernte ich und auch meine Mitschüler ihn kennen.

Oskar Brüsewitz kam öfter zu unserer Schule

Dabei geriet er immer wieder mit unserem Direktor Schröder zusammen, der ihn immer wieder auf dem Schulhof abfing, um zu verhindern, dass er mit uns Kindern sprach. Schröder war ein selbstverliebter, strammer kommunistischer Egomane, der kaum eine andere Meinung zuließ als seine eigene. Er war als Kind Mitschüler meines Stiefvaters. Er hat einmal über meinen Stiefvater eine üble Verleumdung verbreitet. Da kam der in die Schule und packte ihn am Kragen. Er musste vor allen gestehen, dass er eine Lüge verbreitet hatte, sonst hätte mein Stiefvater ihn verprügelt. So sind die Kommunisten halt: feige und verlogen.
Oskar hatte auch immer kleine Bilder dabei, die Szenen aus dem Evangelium zeigten; diese verteilte er an uns Kinder.
Fast jeden Samstag saß er oben in der nahe gelegenen Kirschplantage und blies auf seiner Trompete Musikstücke aus den Psalmen.

In der Kirche traute Pfarrer Brüsewitz auch junge Leute zu Ehepaaren. Es war damals üblich, dass der Bräutigam Geldmünzen beim Verlassen der Kirche auswarf, da waren wir natürlich als Kinder gern dabei, schließlich war die Eisdiele nur ungefähr 200 Meter entfernt.

Oskar packte auch an

Bei der Zuckerrüben-Ernte fuhr er auch mal LKW. Auch beim Aufstellen des Maibaums half er. Er hatte ein Stück Land, das er bearbeitete. Dafür konnten Landwirte bei der MTS (Maschinen-Traktoren-Station) Geräte ausleihen, dies wurde ihm jedoch verweigert. Das Verrückte: er hing einen Pflug an seinen Trabbi, was natürlich misslang. Er hatte auch immer einen Motorradhelm auf, wenn er Auto fuhr. Er war ein liebenswürdiger Querkopf.

Um Oskar zu provozieren, fuhr die Freie Deutsche Jugend (FDJ) eine Ernte ein und schrieb auf ihre Wagen: „Ohne Gott und Sonnenschein, fahren wir die Ernte ein.“
Oskars Antwort kam prompt, er schrieb auf seinen Wagen: „Ohne Sonne und den lieben Gott, geht die ganze Welt bankrott.“ Und er sollte recht bekommen, wie die Geschichte zeigte.

Sein leuchtendes Zeichen

In Rippicha, wo er wohnte, war an der Kirche das Kreuz weithin sichtbar. Diese Kirche war die zweite, die er betreute. Die Behörden wollten es unterbinden, doch sie schafften es nicht – das Kreuz blieb.

Der Terror gegen Oskar

Der Terror gegen Oskar eskalierte öfter. Aufgehetzte Jugendliche terrorisierten ihn durch Angriffe auf die Kirche in Rasberg, wenn er sich darin befand. Da wurde laut gepöbelt und antichristliche Parolen skandiert und es flogen auch Steine gegen die Kirchentür. Er trat dann im Talar unerschrocken heraus und wollte sprechen, doch die Pfiffe und Hetzrufe wurden nur lauter und es gab keine Möglichkeit zur Deeskalation. Ich selbst war damals als Kind dabei, weil ich halt dabei sein wollte. Erst später wurde mir bewusst, dass ich mich da an einem Unrecht beteiligte.

Er war dem System unbequem

Er stemmte sich gegen das kommunistische System und wollte den Menschen das Evangelium nahebringen. Das machte ihn zum Staatsfeind. Die Stasi hatte ihn wohl schon länger auf dem Schirm.

18. August 1976, dem Tag der Verbrennung

Ich war mit einem Lieferwagen in der Zeitzer Kalkstraße mit einer Lieferung der Firma Kneisel beschäftigt. Von der Kalkstraße zur Michaeliskirche führt der Weg durch die Fischstraße vorbei am Friedensplatz. Gegen 10 Uhr 30 sah ich von dort eine schwarze Rauchwolke aufsteigen, ohne mir etwas dabei zu denken, da die Rauchsäule nicht lange anhielt. Der Buschfunk war schnell. Als ich wieder in der Firma war, erfuhr ich, was geschehen war. Am Abend kam die Meldung in der Tagesschau, durch den Korrespondenten Lothar Löwe, übrigens späterer Regierungssprecher unter Helmut Schmidt.

Dann kam Polizei und Stasi in unseren Betrieb

Einige Jugendliche hatten ein Straßenschild gemalt mit der Inschrift „Pfarrer-Brüsewitz-Straße“. Ein Kollege wurde beschuldigt der Mittäterschaft und vorläufig festgenommen. Er kam aber wieder schnell frei, wegen Geringfügigkeit.

Am 18. August 2026 jährt sich sein Tod zum 50. Mal

Ich sage es ganz offen: Wenn ein kerngesunder Mensch Suizid begeht, hört mein Verständnis auf. Dies hatte ich schon mal erlebt, als mein Bruder vor einigen Jahren Suizid beging, um seine Freundin zu schocken. Deshalb schreibe ich hier nur, um der Historie willen – praktisch in Memoriam. Wie gesagt, dies sind meine persönlichen Erinnerungen an Oskar Brüsewitz. Es gibt darüber noch mehr Informationen im Internet, auch was seine Beisetzung betrifft, die für Staat und Stasi eine krachende Blamage war.
Vierzehn Jahre später hatte sich das System erledigt. Es wird behauptet, dass der Tod des Pfarrers einen Teil dazu beigetragen hat – das kann ich mir allerdings nur schwer vorstellen.

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