Das Kreuz in der Sahara
Georg Dattenböck hat uns einen Zeitungsbericht aus dem Jahr 1937 übermittelt, der sich mit dem Kreuz als Heilszeichen in Nordafrika befasst (Tiroler Anzeiger, 11.9.1937). Wir geben ihn in heutiger Schrift wieder; die damalige Rechtschreibung ist beibehalten.
Das Kreuz in der Sahara
Nicht nur Geologen, Meteorologen, Zoologen und Botaniker zieht es in die Wüste. Gerade in neuerer Zeit haben mehr und mehr auch beispielsweise Vertreter der Rassenkunde, der Religionskunde umfangreiche Forschungen in den Gebieten der Sahara angestellt.
So ist beispielsweise die Frage untersucht worden, wie weit wohl der römische Einfluß während der Jahrhunderte, da das Römische Reich Nordafrika beherrschte, in den schwarzen Erdteil eingedrungen ist. Vertreter der Religionskunde haben sich dafür interessiert, ob sich vielleicht bei den einsamen Berber- und Nomadenstämmen auch nach der Eroberung durch den Islam noch Reste des Christentums erhalten haben. Gerade in Nordafrika herrschte ja in der christlichen Frühzeit ein reges christliches Leben, das erst zu Ende des siebenten und zu Anfang des achten Jahrhunderts von den „Söhnen des Propheten“ vernichtet wurde. Der französische Forscher René Pottier hat nun kürzlich einige sehr interessante Tatsachen berichtet, die er auf seinen Forschungsreisen durch die Sahara feststellen konnte und die wertvolle Beiträge zu den erwähnten Problemen darstellen.
Eigenartig fühlte Pottier sich beispielsweise berührt, als er feststellte, daß in der Gegend von Tonggourt – etwa 1000 Kilometer [tatsächlich rund 600 Kilometer Luftlinie, Anm. d. Red.] südöstlich von Algier – die Frauen über leichtverderbliche Dinge, wie Brot und Butter, die sie aufheben und frischerhalten wollen, das Kreuzzeichen schlagen. Sie sprechen allerdings nicht vom Kreuzzeichen, sondern nennen es das „Zeichen Gabriels“. Bekanntlich spielt der Erzengel Gabriel eine große Rolle in der mohammedanischen Legende.
Etwa neunzig Kilometer östlich von Tonggourt, in El Oued, hat Pottier auf sehr alten, eigenartigen Toren das Zeichen des Kreuzes gefunden. Diese Tore werden von den Eingeborenen „romannas“ genannt. Auch in diesem Falle ist Pottier geneigt, an ein Ueberbleibsel aus römisch-christlicher Zeit zu glauben. Das Christentum wäre dann also viel weiter nach Süden vorgedrungen gewesen, als man lange Zeit annahm.
Selbst aber in einem Gebiet, wo man es wirklich nicht annehmen sollte, hat der französische Gelehrte das Heilszeichen des Christentums gefunden, nämlich in der Moschee des Bundes der Djaret. Diese Moschee steht im Dorfe Adjahil. Sie dürfte eine der verschlossensten des ganzen Islam sein. Sie dient den letzten Sonussi als Asyl, den fanatischsten Parteigängern Mohammeds. Gleich in mehreren Exemplaren ist das Kreuz hier zu finden.
Merkwürdigerweise ziert es sogar jene Nische, die die Richtung nach Mekka bestimmt. Wenn diese fanatischen Mohammedaner sich also betend nach Mekka neigen, so beugen sie sich zugleich vor dem Kreuz, das sie eigens bezeichnen. Dem Sinne nach bedeute dieser Ausdruck etwa „Das Wunderbarste alles Bestehenden“. Pottier hält es für möglich, daß diese Kreuzmotive letzte Erinnerungen an abenteuerliche Kreuzfahrer aus dem Heere Ludwigs des Heiligen darstellen.
Bei den Oued Righ hat Pottier auch Kreuze an Haustüren gefunden. Sie sollen die bösen Geister am Eindringen in das Haus verhindern. Der Ausdruck, mit dem die Araber und Berber in diesem Falle das Kreuz bezeichnen, bedeutet etwa „Glück“.
Ueberall, wo man das Kreuz bei den Stämmen der Sahara treffe, sagt der französische Forscher, habe es den Sinn, jemand oder etwas zu beschützen, und er fügt hinzu: „Bedeutet es nicht schon viel, daß das Zeichen des Heils nicht völlig aus den muselmannischen Ländern verbannt ist?“ Eine Erinnerung an den zerstörten katholischen Kult sei es. Sei es nicht zugleich ein Zeichen der Hoffnung für die zahlreichen „Gläubigen“, wie er die Mohammedaner selbst nennen, ein Zeichen, daß auch sie, die ihre Religion mit so viel heiligem Eifer und mit so großer Ueberzeugung ausüben, gerettet werden?
(Tiroler Anzeiger, 11.9.1937)