Der Marsch auf Bozen: Wie Südtirol verraten wurde
Erinnerung an Günther Rauch (1951–2026): Georg Dattenböck erinnert an seinen verstorbenen Freund, den Südtiroler Gewerkschafter und Publizisten, und an dessen wichtigstes Buch über Mussolini, Hitler und den Verrat an Südtirol.
Zur Erinnerung an meinen verstorbenen Freund und Kameraden Günther Rauch möchte ich sein wichtigstes Buch vorstellen. Rauch war eine Seele von Mensch: immer nur für die Anderen da, immer das Ganze denkend. Er lud mich zur „Marende“ in sein Haus, ich lernte ihn schätzen. Ich war bei der Buchpräsentation in Bozen mit dabei: Deutsche, Ladiner und Italiener (!) waren voll des Lobes.
„Wenn es um die Südtiroler Geschichte geht, dann lügt man oft von früh bis spät.“ (Günther Rauch)
„Adolf Hitler hat Anfang der zwanziger Jahre von Benito Mussolini sehr erhebliche Geldsummen erhalten mit der einzigen Verpflichtung, auf die Hereinnahme der Südtirolfrage in die Propaganda der ‚nationalen Befreiung‘ zu verzichten. […] Wer die Wahrheit enthüllte, landete im Zuchthaus und wurde ermordet. Vergessen schlüge dem Rechtsgefühl ins Gesicht.“ (Kurt Hiller, 1885–1972)
„Hinter und vor dem Faschismus steht ein machthungriges Großmaul [Benito Mussolini], das bisher immer jene verraten hat, durch die er emporgekommen ist. […] Wohl sah ich bewaffnete Horden meine Vaterstadt Bozen durchstreifen, Bürger verprügeln und erschießen und am Bahnhofsamt deutsche Zeitungen verbrennen.“ (Carl Dallago, 1869–1949, österreichischer Schriftsteller)
Im Verlagstext heißt es: „Wenige Monate vor und nach dem ‚Marsch auf Bozen‘ und der faschistischen Machtergreifung in Rom haben sich in Italien, Österreich und Deutschland Dinge abgespielt, die nicht nur der Ausgangspunkt für den größten Krieg in der Menschheitsgeschichte waren – insbesondere sollten sie auch für Südtirol schwerwiegende Folgen haben. Nach akribischen Recherchen in deutschen und italienischen Archiven und der Auswertung bisher weitgehend unbeachtet gebliebenen Aktenmaterials konnte der Publizist Günther Rauch neue Erkenntnisse über das frühe Zusammenspiel zwischen Mussolini und Hitler gewinnen. Ihr Weg an die Macht, ihre Verbrechen und ihre feindselige Einstellung gegenüber Südtirol lassen sich besser einordnen, wenn man die Machenschaften und vor allem die Geldflüsse kennt, die den Aufstieg und die Machenschaften der Liktorenbündler und Hakenkreuzler möglich gemacht haben …“
Günther Rauch, von 1979 bis 1991 Vorsitzender des „Allgemeinen Gewerkschaftsbundes in Südtirol“ und Mitarbeiter des „Europäischen Gewerkschaftsbundes“ (EGB), sowie in führenden Positionen in der Wirtschaft tätig, schreibt offen, was Recht und Unrecht, was wahr und unwahr ist. Dies bewies er unter anderem auch durch seine vielen Bücher; ich nenne hier nur jene, die bereits in den Ausgaben des „Südtirol-Information-Dienstes“ (SID) nachzulesen sind:
- „Italiens vergessenes Konzentrationslager“ (21.9.2018);
- „Lautlose Opfer“ (13.11.2020);
- „Bozner Obstplatz“ (18.5.2021).
Das Buch „Der Marsch auf Bozen“ ist zweifellos ein nicht nur für Südtirol, sondern für die gesamte Geschichte Europas sehr wichtiges Buch: eine historisch-politische Bombe! Die Lektorin, die bekannte Südtiroler Historikerin Dr. Margareth Lun, betonte: „Alles, was Günther Rauch mit diesem Buch aufgedeckt hat, kann er mit Quellen belegen.“
Rauch präsentiert im 1. Teil seines Buches viele unbekannte, jedoch stets belegbare Fakten zu Mussolinis Umtrieben und seinem steilen Aufstieg. Im Kapitel „Vom Pazifisten zum revolutionären Kriegstreiber“ zeichnet er mit Genauigkeit das zunächst unglaubliche Doppelgesicht des mit so viel Blut und Verbrechen befleckten Demagogen:
„Zwei Tage vor der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien (28. Juli 1914) betitelte Mussolini als Chefredakteur des ‚Avanti‘ seinen Leitartikel mit: ‚Nieder mit dem Krieg! Keinen Soldaten und keinen Cent für den Krieg! Koste es, was es wolle! Wenn die gekrönten Häupter die Mobilisierung wollen, dann gibt es Revolution.‘“
Doch insgeheim war Mussolini für den Krieg: „Die Wandlung Mussolinis vom Pazifisten zum Kriegshetzer hatte, wie man sich vorstellen kann, hohe Wellen geschlagen … Mussolini hatte sich dem ‚sacro egoismo‘, dem ‚heiligen Eigennutz‘ folgend, in die Front der revolutionären Interventionisten, Eroberer und Annexionisten begeben. Nun schüttete er Öl ins Feuer … In der Öffentlichkeit führte er sich als revolutionärer Kriegsgegner auf, im privaten Verkehr mit Gegnern seiner Partei dagegen als imperialistischer Interventionist … Vom Parteisekretär zur Rede gestellt, brachte Mussolini nicht die Courage auf, seine Stellungnahme sofort zu verantworten.“
„Ohne Rückendeckung anderer hat Mussolini keinen Finger gerührt und keinen Beschluß gefaßt, außer wenn es um Geld ging. Verantwortung schob er auf seine engsten Gefolgsleute. In einer in Wien herausgegebenen Broschüre der Sozialdemokraten schloß man daraus: ‚An dem Tag, wo Mussolini sich verloren weiß, wird er bis zu den Knien in Blut waten.‘“
Im Kapitel „Mit Schmiergeldern Agitprop und Hetzblättern finanziert“ beschreibt Rauch akribisch, daß „innerhalb weniger Tage nach seinem Ausscheiden aus dem ‚Avanti‘ Mussolini eine dreibundfeindliche und kriegshetzerische Zeitung ‚Il Popolo d’Italia‘ (Das Volk Italiens) gründete … Für ihn war der Krieg ein revolutionärer Faktor …“
Besonders aufschlußreich wird es ab dem Kapitel „Geld wie Heu, das nur abzuholen war“. Hier wird im Detail beschrieben, wie Mussolini die Millionen seines ersten Judaslohnes im Hotel d’Angleterre in Genf von den Vertretern der Entente-Staaten nur abzuholen brauchte. Es war Geld aus den Kassen der alliierten Rüstungsindustrie, den Kriegs- und Spionagefonds Frankreichs und Englands.
Allein aus den französischen Geheimdepots flossen 25 Millionen Goldfranken nach Mailand beziehungsweise in eine Genfer Bank:
„Im genannten Nobelhotel in Genf trafen sich Mussolini, Naldi und Girardon mit Abgesandten der französischen Regierung und weiteren hochrangigen Persönlichkeiten. Außerdem schlossen sie in Genf mit der Firma Haasenstein & Vogler Werbeverträge ab … Der Widerwille gegen die Freimaurerei hat Mussolini nicht gehindert, die Schwelle einer freimaurerischen Loge zu überschreiten, um die Gelder in Empfang zu nehmen, die die französische Regierung ihm 1914 zur Verfügung stellte, um den ‚Popolo d’Italia‘ zu gründen und die Agitation für Italiens Kriegseintritt einzuleiten.“
Hauptzeugen für die bodenlose Korruptheit Mussolinis und seines Verrates an seinem eigenen Land Italien werden von Rauch vielfach zitiert. Auch drei Frauen aus Mussolinis engstem Kreis werden vorgestellt: die ukrainische Lenin-Anhängerin, spätere Antibolschewikin und Mussolinis zeitweilige Geliebte Angelika Balabanoff, weiters die erste Ehefrau, die schöne Welschtirolerin Ida Irene Dalser, welche Mussolini, wie seinen Sohn Benito Albino, in einer Nervenheilanstalt beseitigen ließ, und seine engste Komplizin und Mitbegründerin der Tageszeitung „Il Popolo d’Italia“ und der „Fasci italiani di combattimento“, Maria Rygier.
Weil diese beiden Frauen zu viel wußten, wollte Mussolini sie ebenfalls töten lassen, doch konnten sie mit Hilfe von Freunden nach Paris flüchten. Dort hetzte Mussolini einen deutschen Agenten seiner Geheimpolizei auf sie, der sich später mit der Spionage gegen antifaschistische Südtiroler „auszeichnete“.
Rauch berichtet unter Bezugnahme auf Maria Rygier, daß Mussolini im Jahre 1904 als „junger Vagabund in der französischen Schweiz Spitzeldienste für die französische Polizei geleistet hatte“.
Im 2. Teil des Buches zitiert Günther Rauch einleitend Philipp Scheidemann (1865–1939), den ersten Ministerpräsidenten der Weimarer Republik:
„Nationalsozialistische Arbeiterpartei. National? Man erinnere sich der zynischen Preisgabe Südtirols durch Adolf Hitler (…) Hitler sagte am 14. November 1922 in München: ‚Ein klarer Verzicht auf Südtirol ist nötig. In der Politik gibt es keine Sentiments, sondern nur Kaltschnäuzigkeit.‘“
Wenige Tage vor der im italienischen Parlament vollzogenen Zerreißung des alten Landes Tirol, am 29.9.1920, sprach Hitler zwei Stunden im Stadtsaal in Innsbruck: „Zu Südtirol schwieg er.“ Die „Innsbrucker Volkszeitung“ stempelte ihn deswegen als „politischen Komödianten“ ab.
Mussolini besuchte Deutschland bereits vor seinem Marsch auf Bozen (1.–2.10.1922) und dem folgenden Marsch auf Rom, wo auch Fäden zur NSDAP gesponnen wurden:
„Vom 7. bis 17. März 1922 war Benito Mussolini in Begleitung seines Privatsekretärs Alessandro Chiavolini in Berlin und München. Die Reise nach Deutschland erfolgte wenige Monate vor seiner gut in Szene gesetzten republikanischen Abschwörung in Udine, dem Sturm auf das ‚staatenlose‘ Bozen, der Stippvisite nach Budapest zum Faschisten Miklós Horthy, zu den rechten Bewegungen in Prag und London und dem Marsch auf Rom.“
Im Grundsatzprogramm der DAP und der NSDAP war als Forderung Südtirol enthalten. Hitler war jedoch Südtirol immer lästig:
„Erst als der lästige Punkt Südtirol von den Nationalsozialisten ad acta gelegt wurde und sich das Einschwenken der Nationalsozialisten auf Mussolinis ethnische Säuberung und Vertreibung als Mittel der Politik längst vollzogen hatte, war im Jahr 1929 in der 5. Auflage des NSDAP-Programms (S. 42) an die Stelle der Worte ‚in Südtirol‘ Elsaß-Lothringen getreten. Diese grundsätzliche Programmänderung war wenige Wochen vor dem im Amtsgericht München-Au am 6. Mai 1929 beginnenden großen Hitler-Prozeß gefallen. Bei diesem, wie bei den nachfolgenden Prozessen, ging es um die italienisch-freundliche Haltung Hitlers in der Südtirolfrage, die auf italienische finanzielle Unterstützung an die NSDAP und Waffenlieferungen an die bayerischen Putschisten und Braunhemden zurückzuführen war.“
Das in Rom herausgegebene faschistische Blatt „Giornale d’Italia“ „vermeldete groß, daß in Ausführung des von Adolf Hitler eingegangenen Versprechens, auf Südtirol zu verzichten, im Alpen-Museum in München die Inschrift ‚verlorene Stadt‘ für Bozen beseitigt worden ist.“
Immer nur sehr widerwillig, verlogen und kurz sprach Hitler, auf Drängen und nach scharfen Vorhaltungen österreichischer Parteigenossen, über Südtirol; nur aus rein taktischen Gründen sprach er über das Unrecht der Brennergrenze. In Wahrheit bekämpfte er führende Parteigenossen, die es mit Südtirol ernst nahmen, mit allen Mitteln, bis hin zum gemeinen Mord.
„Spätestens seit seiner Entlassung aus einer vier Wochen langen Kerkerhaft (wegen Gewalttaten bei einer Versammlung der Bayernbündler) am 27. Juli 1922 fing Hitler an, sich offen von der alten Überzeugung der Nationalsozialisten zu lösen und ein neues glorifiziertes Licht auf Italien zu lenken.“
Hitlers „glorifizierendes Licht“ auf Mussolinis Italien wird dem Leser immer mehr verständlich, wenn er die von Günther Rauch in vielen Kapiteln schonungslos aufgedeckten, tausendfach verschlungenen Wege der verdeckten Zusammenarbeit mit den Faschisten und vor allem die vielen geheimen Wege des Geldflusses zu Hitler kennenlernt:
„Das mit italienischen Banknoten bezahlte Terrornetzwerk lief in München zusammen … 18 Millionen Mark aus Italien für Hitlers Südtirol-Verrat … Südtirol verrecke: für viele Millionen Lire … Werner Abel enthüllt Hitlers italienische Geldquellen … OVRA-Agenten: Duce finanzierte Hitlers Aufstieg … Italiens Diplomaten gaben unverblümt die NSDAP-Finanzierungen zu“, lauten einzelne Kapitelüberschriften.
Fazit: Man muß dieses Buch von Günther Rauch vollständig gelesen haben, um die Tiefe des Verrates von Adolf Hitler an Südtirol zu begreifen. Das Buch ist historisch ein einziger Hammer, denn Rauch entlarvte unter vielem anderen den „großen Duce“ als britischen Agenten. Und vor allem räumt Rauch mit der großen Legende beziehungsweise der oft gehörten Meinung alter Nazis auf, der „Führer“ „hätte ja in der damaligen Lage nicht anders gekonnt“.
Günther Rauch: Der Marsch auf Bozen. Wie der Fall Südtirol Mussolini und Hitler Lust auf mehr machte. Herstellung und Verlag: „Effekt!“, Neumarkt/Südtirol 2022. Hardcover, 654 Seiten, 14 × 21,6 cm, reich bebildert. ISBN 978-88-97053-98-9. € 27,40.
Georg Dattenböck
Weitere Artikel aus der Kategorie Leserbriefe lesen
Was wird die Krebserkrankung des Papstes wohl bewirken?
Als Papst Leo XIV. in Lourdes sehr bewegende Worte zu den Pilgern, besonders zu den Kranken sprach, dachte er nicht daran, dass er selbst bald zu jenen gehören wird, die Gebet und Zuspruch als Leidende brauchen.
Da ich in unmittelbarer Nachbarschaft von Klingenberg wohne, nahm ich die Gelegenheit wahr, Pfarrer Renz in Rück Schippach zu besuchen. Als China-Missionar hatte er viele Erlebnisse mit Besessenen. In China gibt es viele Besessene.