Fastenhirtenbrief von Kurt Krenn aus dem Jahr 1998

Liebe Gläubige, liebe Mitbrüder, liebe Mitarbeiter!

1. Zum Beginn der heiligen Fastenzeit, die uns die Kirche als österliche Bußzeit schenkt, möchte ich Ihnen alle Segenswünsche für einen entschiedenen Aufbruch im Geist Christi entbieten. Der Friede Christi komme in unsere Herzen, damit wir zu seinen Heiligen gehören, die sich bekleiden mit aufrichtigem Erbarmen, mit Güte, Demut, Milde und Geduld. Ertragen wir einander; vergeben wir einander, wenn einer dem anderen etwas vorzuwerfen hat! Wie der Herr uns vergeben hat, so wollen auch wir vergeben. Wir wollen einander lieben, denn die Liebe hält alles zusammen und macht es vollkommen (vgl. Kol 3,11-14).
Diese Worte des Kolosserbriefes bedeuten nicht nur ein Programm für die heilige Zeit des Fastens, sondern auch eine tägliche und immerwährende Pflicht zu christlichem Leben. Da wir auch oft versucht werden und nicht selten sündigen, liegt es immer wieder an unserer Bekehrung zu Gott und an unserer Besserung, wenn wir die Früchte des Geistes zum Sieg über die Früchte des Fleisches führen wollen. Jesus selbst begann seine Frohbotschaft an die Menschen mit dem Ruf: „Die Zeit ist erfüllt, und das Reich Gottes ist nahe. Bekehrt euch und glaubt an das Evangelium“ (Mk 1,15). Jesus ruft zur Bekehrung, damit das Reich Gottes gelingt.  

2. Es ist ein großer Irrtum, wenn der absolute Ernst der Botschaft Jesu mit dem Vorwurf der „Drohbotschaft“ um seine Kraft gebracht wird. Jesu Gesetz und Wort sind keine liebliche Botschaft, die unverbindlich ist und den Wünschen und Trieben des Menschen schmeichelt. Lügen und Schmeicheleien beeindrucken zunächst vielleicht die Denkweise des Menschen, aber ein Blinder kann nicht einen Blinden führen. Zu den Maßstäben des Erfolgs können im Reich Christi nicht Beliebtheit und Akzeptanz zählen; Jesus warnt uns: „Weh euch, wenn euch alle Menschen loben; denn ebenso haben ihre Väter die falschen Propheten behandelt“ (Lk 6,26).
An allen Orten und Wegen stehen auch heute die falschen Propheten, die vorgeben, Christi Frohbotschaft zu verkünden, die sich nicht auf Gottes Gebote, sondern auf Umfragen und Trends berufen, falsche Propheten, die keine guten und gottgefälligen Werke tun. Die Scharlatane und Scheinkundigen, die Esoteriker und Abergläubischen machen heute ihre großen Geschäfte, auch wenn sie die Menschen täuschen. Auch in unserer Kirche gibt es falsche Propheten, die sich öffentlich verherrlichen lassen und über die Seelen der Menschen Macht gewinnen wollen.

3. Wir haben eine heilige Zeit begonnen, in der viele wieder wissen wollen, woran sie sich halten können; denn viele sind heute verwirrt, erregt, verärgert, zornig, verblendet, hartherzig, gottfeindlich, skeptisch und entmutigt. Vor allem der Bereich der menschlichen Gefühle und spontanen Optionen ist heute ein unüberschaubares Chaos geworden. Immer mehr besonnene und denkende Menschen äußern den Verdacht, daß heute der Böse selbst am Werk ist, den Jesus den „Vater der Lüge“ nennt; der Teufel war ein Mörder von Anfang an, und keine Wahrheit ist in ihm (vgl. Joh 8,44 ff.). Es gehört zum Werk dieser Lüge, daß sich Böses und Sünde den Schein des Guten und Vorteilhaften geben; daß persönliche Schuld nur als eine Art heilbare Krankheit gelten darf und nicht als ein erster Notruf des Menschen nach Versöhnung mit Gott und Erlösung; daß man Böses tun darf, um ein scheinbar Gutes zu bewirken. Diese Verwirrung des Gewissens erfahren wir tagtäglich; die größte Gefahr für die Menschheit liegt darin, daß es nicht das Bewußtsein von Sünde und Schuld geben soll. Ein solches Bewußtsein wäre eben das Spiegelbild der Gottlosigkeit des Menschen. Alle aber, die sich vom Geist Gottes führen lassen, sind Söhne Gottes (vgl. Röm 8,14). Es gibt also die Hoffnung für uns, selbst wenn wir verwirrt sind und versucht werden, das zu tun, das wir nicht wollen, nämlich das Böse (vgl. Röm 7,19).  

4. Liebe Gläubige! Die von uns nunmehr begonnene Fastenzeit ereignet sich im „Jahr des Heiligen Geistes“. Das Jahr 1998 wurde als das Jahr des Heiligen Geistes zur Vorbereitung auf das Große Jubeljahr der Erlösung 2000 vom Heiligen Vater bestimmt. So sollen wir unsere Gedanken und Gebete auf den Heiligen Geist richten, der wie der Vater und der Sohn wahrer Gott ist. Um die Ziele der Fastenzeit den Gläubigen ans Herz zu legen, bedarf es der Erleuchtung jenes Heiligen Geistes, der uns bezeugt, daß wir Kinder Gottes sind.
Der Heilige Geist kann nur das Gottgefällige wirken und das Gottgefällige unserem Gewissen und unserer Freiheit bezeugen. Niemals gibt uns der Heilige Geist das Recht, in Christi Namen etwas Böses oder Gottfeindliches zu tun; des Geistes Früchte sind die guten, die die bösen Früchte auch nicht im geringsten gelten lassen. So können wir die Fastenzeit mit dem Ziel beginnen, daß jene einfache Moralität wieder Geltung erlangt: Das Gute ist zu tun, das Böse (die Sünde) ist zu meiden; was in unseren freien Taten Gott und seinen Geboten widerspricht, ist Sünde und birgt Schuld vor Gott in sich.  

5. Auch Jesus selbst wurde vom Geist in die Wüste getrieben, wo er vierzig Tage lang blieb und vom Satan in Versuchung geführt wurde (vgl. Mk 1,12 ff.). Auch wir wollen wie Jesus uns vom Geist ins Fasten führen lassen und wie Jesus die Versuchungen überwinden. Nehmen wir also die heilige Zeit des Fastens ernst, verzichten wir auf Luxus und Bequemlichkeit und widerstehen wir unseren schlechten Gewohnheiten und unserer Neigung zur Sünde. Was der Geist in unserem Fasten wirkt, soll Mehrung der Liebe zu Gott und zum Nächsten sein. Freiwillig und aus großmütigem Herzen wollen wir den Notleidenden Hilfe geben. Ich darf Sie bitten, wiederum bei der Fastenaktion der Diözese so hilfsbereit wie in den vergangenen Jahren zu sein. Allen, die sich in Pfarren und Diözesen um das Gelingen der Fastenaktion bemühen, möchte ich jetzt schon herzlich danken. „Für mich hast du es getan“, sagt Jesus zu jedem von uns, der gibt und teilt.  

6. Fasten, Geben und Teilen sind auch Weg der Versöhnung mit Gott. Es soll schließlich auch unser inneres Gottesverhältnis erneuert werden durch eine gewissenhafte persönliche Osterbeichte, die jeder Gläubige als die Sorge der Kirche für sein Seelenheil auf sich nehmen soll. Es ist nie zu spät; selbst wenn man lange nicht gebeichtet hat, gibt Gott uns immer wieder seine barmherzige Versöhnung, wenn wir unsere Sünden bekennen, bereuen und wir uns bekehren und bessern wollen. Ich bitte die Priester, oft die Beichte zu empfehlen und dafür zu sorgen, daß alle Gläubigen öfter Gelegenheit zur Beichte haben. Auch das Sakrament der Buße ist ein Geschenk Christi im Heiligen Geist; es ist das Ostergeschenk unseres Erlösers, wenn der auferstandene Herr die Apostel anhaucht und sagt: „Empfangt den Heiligen Geist. Allen, denen ihr die Sünden erlaßt, sind sie erlassen; allen, denen ihr sie nicht erlaßt, sind sie nicht erlassen“ (Joh 21,22 f.).  

7. Wir bereiten uns auf das Kommen des Heiligen Vaters am 20. Juni 1998 vor. Als Motto für den Österreichbesuch wurde die Bitte um den Geist Gottes gewählt: „Komm Heiliger Geist“. Gemeinsam mit Weihbischof Dr. Fasching und mit dem Leiter des Pastoralamtes Msgr. Kreuth habe ich alle Gläubigen zur Mitfeier der Papstmesse in St. Pölten eingeladen, um Mitarbeit bei der Vorbereitung und Durchführung gebeten und zur inneren Vorbereitung aller aufgerufen. Der Heilige Geist gewähre in seiner Wahrheit und Liebe das Gelingen dieses historischen Tages für die Diözese St. Pölten und für Niederösterreich.  

8. Gott schenke uns allen Früchte der österlichen Bußzeit, die allerbesten den Familien und jungen Menschen. Die Anliegen der Kirche sollen unsere Anliegen sein. Mit den folgenden Worten des Epheserbriefes entbiete ich allen herzliche Grüße zum Osterfest: „Wach auf, Schläfer, und steh auf von den Toten, und Christus wird dein Licht sein... Nutzt den rechten Augenblick, denn das Böse beherrscht die Zeit. Darum seid nicht unverständig, sondern begreift, was der Wille des Herrn ist. Seid nicht zügellos,... sondern laßt euch vom Geist erfüllen“ (Eph 5,14-18). Alles Gute und herzliche Grüße!

Aschermittwoch 1998
+ Kurt Krenn
Diözesanbischof

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